Brautradition lebt wieder auf (Artikel vom 18.11.2009 © Eßlinger Zeitung)
ESSLINGEN: Älteste Transparentfolien-Fabrik der Welt residierte im Denkendorfer Hof - Heute wird dort schwäbische Gastlichkeit gepflegt
Von Dagmar Weinberg
Wo sich heute, umgeben von dicken, mit Steinmetzzeichen verzierten Sandsteinmauern im „Brauhaus zum Schwanen“ die Gäste niederlassen, „standen früher einmal Fahrräder“, erzählt Andreas Langheck. „Schließlich war dieses Gebäude knapp einhundert Jahre lang auf die Produktion und die Verwaltung unserer Firma ausgelegt.“ Denn im Denkendorfer Pfleghof residierte die älteste Transparentfolien-Fabrik der Welt. Nachdem Johannes Langheck auf der Basis von Gelatine die erste transparente Folie entwickelt hatte, gründete er 1887 in Göppingen die Firma Langheck & Co., die drei Jahre später nach Esslingen umzog. „Zunächst war die Firma auf dem Lorch-Areal und zog dann aber bald hierher“, weiß Jürgen Langheck. Denn 1891 hatten seine Vorfahren den Denkendorfer Pfleghof gekauft. Dort wurden aber nicht nur Folien produziert. Das stattliche Gebäude war auch Wohnhaus der 14-köpfigen Familie. „Alle zwölf Kinder sind hier im Haus geboren worden“, erzählt der Seniorchef. Bis Ende der 1970er-Jahre wurden am Blarerplatz Folien produziert. „Doch dann wollte die Stadtverwaltung keine Industriebetriebe mehr in der Innenstadt haben“, und so zogen die noch verbliebenen Abteilungen in die 1925 in der Ulmer Straße gebaute Betriebsstätte der Firma Langheck um.
220 Hektoliter Gerstensaft pro Jahr
Da dem Gasthof „Zum Schwanen“ im Jahr 1900 das sogenannte dingliche Schankrecht („das kann nicht mehr verfallen“) erteilt worden war, hatte Jürgen Langheck die Idee, die alte Brautradition nach der Sanierung des Hauses wieder aufleben zu lassen. 1987 wurde nicht nur der „Schwanen“ als „Pflegestätte schwäbischer Gastlichkeit“, sondern auch eine hauseigene Brauerei eröffnet. „Wir sind die einzige, größte und natürlich auch die beste Brauerei in Esslingen“, erklärt Andreas Langheck. Im rückwärtigen Teil des Pfleghofs produziert Braumeister Dieter Brey im Jahr rund 220 Hektoliter Gerstensaft, der zu 90 Prozent im „Schwanen“ ausgeschenkt wird. „Die meisten Gaststätten sind ja an Brauereiverträge gebunden“, erläutert Andreas Langheck. „Da haben wir als Kleinbrauerei keine Chance.“
Zudem fehlt in dem denkmalgeschützten Gebäude der Platz zum Expandieren. „Eine Flaschenabfüllanlage würden wir gar nicht unterkriegen.“ Zwar würde der Juniorchef den Gästen gerne Durchblick verschaffen und ihnen ein Fenster in die Brauerei öffnen. Doch auch da steht der Denkmalschutz davor. „Wir leben mit diesen Einschränkungen, aber wir nutzen sie auch.“ Da im „Schwanen“ auf herkömmliche Weise ein naturbelassenes Bier gebraut wird, „passen die alte Tradition, die hier durch unseren Braumeister gepflegt wird, und der Sitz der Brauerei einfach zusammen und sorgen für Authentizität“.
Keine Geräte von der Stange
Im ehemaligen Wirtschaftshof des Denkendorfer Klosters werden aber nicht nur Gäste bewirtet und Bier gebraut. In den oberen Etagen sind Büros und Wohnungen untergebracht. Seit 18 Jahren haben dort auch die „Schwanen“-Pächterin Romy Steinbach und ihr Mann Nils ihr Zuhause und genießen das Leben und Arbeiten in den historischen Gemäuern. „So ein piekfeines, steriles Restaurant wäre einfach nicht unser Stil“, erklärt Romy Steinbach. Zwar geht es in der Küche zuweilen ein wenig eng zu, „und wir hätten gerne eine leistungsstärkere Abluftanlage“. Weil aber Eichenbalken im Weg sind, lassen sich größere Abluftrohre einfach nicht unterbringen. „In den historischen Gebäuden hat man mit Geräten von der Stange einfach seine Schwierigkeiten“, weiß Andreas Langheck noch von der Sanierung des Hauses.
Da die Modernisierung auch das Raumklima im rustikal eingerichteten Bierkeller verändert hat, müssen Romy Steinbach und ihr Team immer mal wieder zu Besen und Kehrblech greifen. „Weil die Luft jetzt trockener ist, bröselt manchmal der Sandstein“, erzählt die Pächterin. „Aber das gehört in so einem Haus einfach dazu und stört nicht wirklich jemanden“ - auch nicht die Gäste. Wenn die nämlich entdecken, auf welch dicken Fundamenten das stolze Gebäude steht, „sind sie immer völlig begeistert“.
Das wären sie sicher auch, wenn sie noch den Tanzsaal sehen könnten, den der Schwanenwirt Andreas Häberlin 1857 Richtung Milchstraße hatte anbauen lassen. „Durch seine hängende Deckenkonstruktion kam er ohne eine einzige Säule aus und wurde deshalb von den Esslingern auch begeistert genutzt“, erzählt Jürgen Langheck, der noch heute ins Schwärmen gerät, wenn er an die schöne Stuckdecke des zweistöckigen Saals denkt. Da sich die Stadt aber in den Kopf gesetzt hatte, ausgerechnet neben dem historischen Gebäude eine Tiefgarage zu bauen, wurde Familie Langheck aufgefordert, den Saal abzureißen. „Wir haben damals heftig protestiert“, erinnert sich der Seniorchef - auch deshalb, weil der Denkendorfer Pfleghof auf sensiblem Untergrund gebaut ist. „Er steht auf Kies und ist nur zur Hälfte unterkellert, so dass die Brauerei auf der blanken Erde steht“, weiß Sohn Andreas. „Im ganzen Haus wurde kein Nagel verwendet, so dass die Balken lediglich aufeinander gelegt sind und das Gebäude durch sein Eigengewicht hält.“ Doch die Stadtverwaltung ließ sich nicht von ihren Plänen abbringen, und so fiel der Tanzsaal im Jahr 1986. Die Tiefgarage wurde allerdings nie gebaut.
Dass die Pfleghöfe in Esslingen noch heute das Bild der Stadt prägen, ist eine Besonderheit, die in der Franziskanerkirche mit der Ausstellung „Zwischen Himmel und Erde - Klöster und Pfleghöfe in Esslingen“ gewürdigt wird. In einer Serie stellt die EZ Menschen vor, die heute in den Pfleghöfen leben und arbeiten - und natürlich erfahren die Leser auch etwas über die Geschichte der Häuser.
Am Sonntag, 22. November, wird im Denkendorfer Pfleghof Musik gemacht. Ab 17 Uhr ist auf Einladung des städtischen Kulturreferats und des „Brauhauses zum Schwanen“ das Projekt Bracher-Bladt mit Trompete und Blockflöte zu Gast, das zeitgenössische Solostücke, teils mit elektroakustischer Bearbeitung, spielt.
Artikel vom 18.11.2009 © Eßlinger Zeitung
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